Das bewies die City jedenfalls während ihrer Aktions- und Shoppingnacht, die unter dem Motto „Neuwied schläft nicht“ stand. Und wieder einmal hat Neuwied, wie schon vor vier Jahren, die Nacht zum Tag gemacht und Zehntausende mit seiner Schlaflosigkeit angesteckt.
Der Wettergott meinte es gut mit den Deichstädtern – das war mein erster Gedanke, als ich mich nachmittags auf den Weg Richtung Innenstadt aufmachte. Es war angenehm warm, und ab und zu lugte die Sonne durch die Wolken – ideale Verhältnisse für eine laue Nacht im Freien. Für eine schlaflose Nacht, die den zahlreichen Besuchern sicherlich noch sehr lange im Gedächtnis bleiben wird.
Schon am Nachmittag begannen einige interessante Ausstellungen – so zum Beispiel das wunderschön gestaltete Roentgen-Schaufenster der Roentgen-Apotheke oder die interaktive Ausstellung „Die Maschinen des Leonardo da Vinci“ in der städtischen Galerie Mennonitenkirche. Carmen Silva und die Entdeckungen des „Indianerforschers“ Prinz Max zu Wied waren in den Räumen der Sparda-Bank zu bewundern, und von den Hausfassaden blickten mir berühmte „Neuwieder Köpfe“ entgegen.
Jede Menge Aktionen an vielen Punkten in der gesamten Stadt – schon ab 17 Uhr ging’s rund auf den Straßen der City. Der Tauschring Neuwied bot gegenseitige Hilfe an und forderte die Besucher auf, in Neuwied neu zu denken: „Ich kann etwas, was Du nicht kannst, und tausche es mit Dir“. Viele Besucher informierten sich über die ganz alltäglichen und durchaus nützlichen Tauschangebote. Ich könnte zum Beispiel jemanden zum Rasenmähen gebrauchen und würde im Gegenzug Babysitting anbieten.
Die VR Bank machte sich „on tour“ und bot zahlreiche Informationen, viel Unterhaltung und viel Spaß an ihrem Info-Mobil. Schade, dass ich mich hier nicht länger aufhalten konnte – das Aktions-Programm war einfach zu vielseitig, und es war nahezu unmöglich, auch nur flüchtig überall mal reinzuschauen.
Viel ruhiger ging es bei der Kunstwerkstatt am Markt zu. Schwarz-Weiß-Bunt bot interessante Einblicke und liebevolle Dekorationen zum entdecken, fühlen und staunen. Egal wie man sich drehte und wendete – überall begegnete man neuen Blickwinkeln und überraschenden Einsichten.
Mittlerweile war es schon 18 Uhr, und ein Blick auf mein Programm sagte mir, dass um diese Zeit der Steiff-Zoo öffnen würde. Da ich ein leidenschaftlicher Fan dieser knuddeligen und detailtreuen Stofftiere bin, wollte ich das auf gar keinen Fall verpassen. Mich erwarteten hier liebevoll dekorierte Tiergehege mit Info-Tafeln über den Lebensraum der Tiere, die tatsächlich wie echt wirkten und lebensgroß die kleinen und großen Besucher in Erstaunen versetzten. Ein dickes Lob an das Team der städtischen Galerie Mennonitenkirche, das diese wunderbare Ausstellung so liebevoll gestaltet hat. Und ein Dank auch an all diejenigen, die Steiff-Tiere aus ihrem Privatbesitz für diesen ganz besonderen Zoo zur Verfügung stellten. Ich fand hier mehr als eine Erinnerung an meine Lieblinge aus Kindertagen.
Direkt vor dem Steiff-Zoo stolperte ich über eine Hörstation des Gully-Radios. Die Kanaldeckel, über die man sonst achtlos hinweg spaziert, lernten in dieser Nacht das Sprechen. Und sie hatten einiges zu erzählen. Sphärische Klänge ließen die Besucher ins Stocken geraten, wenn sie an so einem Radio vorbeikamen. Und Hörstationen, die in der ganzen Stadt verteilt waren. Luden dazu ein, zu verweilen und den Klängen aus der Unterwelt zu lauschen. Eigens für diese Nacht war eine Sendezentrale eingerichtet worden, in der Moderatoren, DJs und Tontechniker bis in den frühen Morgen ein abwechslungsreiches Live-Programm in die Neuwieder Kanalisation entsandten.
Mich zog es ins Alte Hallenbad in der Marktstraße – und was ich dort vorfand, ließ mich schmunzeln. Mit Feuereifer waren zahlreiche Kinder bei der Sache und bastelten zusammen mit Frank Bölter kleine und große Schiffe, legten letzte Hand an das Riesenschiff aus 80 Quadratmeter Tyvek an, das noch in der Nacht seinen Stapellauf im Rhein erleben sollte. Tyvek ist ein papierähnliches Material, das die Neuwieder Firma Curtis zur Verfügung stellte. Ich schwor mir, das auf jeden Fall mitzuerleben.
Was mich (und nicht nur mich) im Alten Hallenbad auch begeisterte, waren die kultigen Ausstellungsstücke aus den 50-er, 60-er und 70-er Jahren, die das Café „Echt kultig“ hier präsentierte. Mode, Möbel, Accessoires aus diesen längst vergessenen Zeiten riefen bei den Besuchern so manche wehmütige Erinnerung wach – aber auch die Erkenntnis, dass das ein oder andere inzwischen wieder richtig „in“ ist.
Klassik-Klänge lockten mich in die Hermannstraße, und dort erwartete mich vor der Sparkasse eine Oase der Ruhe und Entspannung. Viele Besucher der Langen Nacht hatten sich hier eingefunden, um bei einem guten Glas Wein, fernab von Stress und Hektik, in einem wunderschönen Ambiente klassischer Musik zu lauschen. Roter und grüner Teppich, Pflanzen, Bäume, Tische und Stühle und eine Konzertbühne, und das alles mitten auf der Hermannstraße – ich hätte nichts dagegen, das dort immer vorzufinden.
Mein Weg führte mich zurück durch die Marktstraße direkt zur „Langen Tafel“ der Stadtteile. Der Engerser Convent mitten in der Innenstadt, Seite an Seite mit der Feldkirche, den Heimbach-Weiser Karnevalisten, dem Mammut aus dem Eiszeitmuseum Monrepos in Segendorf, einer Boule-Bahn aus Altwied und vielen anderen Attraktionen – hier lernte ich tatsächlich viel Neues über die Schönheiten und die Geschichte aus Neuwieds Stadtteilen kennen.
Meine nächste Station sollte die Engerser Straße sein. Hier erwartete mich eine „Strandbarmeile“. Liebevoll dekorierte und gestaltete “Sitzinseln“, ein leckeres Getränkeangebot – und Musik, die es in sich hatte: Die Band M-inkognito unterhielt die Besucher und lud zum Verweilen ein.
So langsam wurde es dunkel, und es kam die richtige Stimmung auf für einen Bummel über den Nachtmarkt. Hier konnte ich die Werke von Hobbykünstlern bewundern, die sich nun wirklich nicht vor den „Profis“ zu verstecken brauchen. Aber auch so manches Schätzchen, das jahrelang auf dem Dachboden ein einsames Dasein gefristet hatte, wurde hier zum Verkauf angeboten. Nicht nur ich war fasziniert von der Geschicklichkeit eines Kunstschmieds, der bei diesem Markt sein Können demonstrierte.
Auf der Bühne von TV Mittelrhein hatte jeder Gelegenheit, seine Grüße an die Daheimgebliebenen zu hinterlassen.
Mit Einbruch der Dämmerung gab’s auf dem Deich ein Lichterschauspiel, das das Neuwieder Wahrzeichen in den buntesten Farben erglühen ließ: die „Tour de Couleur“ verzauberte mit Lichtsäulen, die immer wieder neue Stimmungen aufkommen ließen. Und jetzt erfuhr ich auch, woher die Luftballons kamen, die mir schon den ganzen Abend über am Himmel über Neuwied aufgefallen waren: Der „Rheinsteig“ ging hier in die Luft – natürlich im übertragenen Sinne. Groß und Klein konnten an einem Luftballon-Wettbewerb teilnehmen, bei dem es unter anderem eine Ballonfahrt zu gewinnen gab. Klar, dass ich hier auch eine Karte ausfüllen musste…
Mittlerweile war es schon weit nach 20 Uhr – und ich wollte noch so viel sehen. Unter anderem hatten mich die Marching Bandits neugierig gemacht. Professionelle Musiker und Schüler aus Neuwieder Musikschulen, die gemeinsam auf Tour durch die Stadt gehen: Das durfte ich auf keinen Fall verpassen. Ich traf die Bandits dann auf dem Luisenplatz, wo sie das Schiff, das Frank Bölter und die Schülerinnen und Schüler inzwischen fertig gestellt hatten, auf seinem Weg zum Stapellauf begleiteten. Klar, dass ich mich ihnen anschloss. Ich wollte mich schließlich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass das Papierboot auch tatsächlich schwimmt…
Voller Stolz trugen die Kinder, die so fleißig Papierschiffe gefaltet hatten, unter dem Applaus zahlreicher Zuschauer das Boot zu Wasser. Ruderer des GTRVN, die Feuerwehr mit einem Boot mit Suchscheinwerfer und Taucher erwarteten das Kunstwerk hier – und es schwamm tatsächlich auf den Wellen des Rheins. Es war schon ein imponierender Anblick, dieses riesige Papierschiff, strahlend hell angestrahlt in der Abenddämmerung, davon treiben zu sehen.
Ein BLick auf die Uhr sagte mir, dass es Zeit war, mich auf den Weg zum Luisenplatz zu machen. Hier sollte schließlich ein Highlight der Aktions- und Shoppingnacht statt finden: Das menschliche Mobile der französischen Truppe Transe Express. Und tatsächlich: Schon in der Mittelstraße empfingen mich die Trommelwirbel der sieben Künstler. Und die Trapez-Artistin, die später im Mobile den Zuschauern so manches Mal mit ihren wagemutigen Turnübungen den Atem stocken lassen sollte, faszinierte die Zuschauer mit Geschichten und kleinen Geschenken, mit Turneinlagen an Bäumen und auf Zäunen. Immer mehr Menschen fanden sich zusammen und folgten gebannt der bunten Truppe.
Ich war froh, dass ich schon nachmittags daran gedacht hatte, mir für dieses Spektakel einen Logenplatz zu sichern, und ich hatte Mühe, auf dem Luisenplatz bis zu dem Haus durch zu kommen, in dessen erstem Stockwerk ich ein Fenster ganz für mich hatte, um Transe Express und die imponierende Menschenansammlung, die sich inzwischen hier eingefunden hatte, zu fotografieren. Als der Kran das Mobile die ersten Meter in die Höhe zog, stockte den Zuschauern der Atem – doch dann ernteten die Künstler brandenden Applaus. Höher und höher stiegen sie in den Neuwieder Nachthimmel hinauf, um schließlich in 60 Metern Höhe eine atemberaubende Choreografie zu präsentieren. Die Menschen waren begeistert und fasziniert von Lichtshow, Musik und Akrobatik.
Die letzten Trommelwirbel von Transe Express waren noch nicht ganz verklungen, da zog der Sound der Boppin B auf der SWR1-Bühne mich in seinen Bann. Hier rockten die Zuschauer, klatschten, sangen begeistert mit – ganz Neuwied war in wenigen Stunden zu einem einzigen „schlaflosen“ Volksfest, zu einer imponierenden Unterhaltungsplattform geworden. Wohin man sich auch drehte und wendete – überall warteten neue Überraschungen, neue Attraktionen und Aktionen.
So auch in der Marktstraße, die sich in eine Party-Zone verwandelt hatten. In der sogar Geschenke vom Himmel fielen. Kunsthaus Failer feierte Geburtstag und lud kurzerhand alle Besucher ein, mitzufeiern. Und auch hier wusste ich nicht, wohin man zuerst sehen sollte: Auf die Bühne, von der Tanzmusik erklang, die zum Mitswingen einlud, auf die Kunstwerke, die nicht nur draußen, sondern auch drin präsentiert wurden, oder auf den Kran, von dem aus 30 Metern Höhe Geburtstagsgeschenke abgeworfen wurden – Geburtstagsgeschenke vom „Geburtstagskind“ an die Neuwieder und ihre Gäste.
Nach so viel Spannung und Musik war mir nach sportlicher Betätigung zumute. Und die sollte ich am Deich finden. Hier hatte das Sporthaus Krumholz zum R(h)einsteigen eingeladen. Und hier traf ich viele kleine und große Leute an, die den Deich auf ganz ungewöhnliche Weise überqueren wollten: Angeseilt und mit Händen und Füßen die Mauer hochkletternd. Getraut habe ich mich dann doch nicht – aber ich war voller Bewunderung vor allem für die Kleinen, die sich ganz geschickt auf der einen Seite die Wand hinaus und auf der anderen wieder hinunter bewegten.
Und dann traf ich auf merkwürdige, riesige weiße Gestalten, die sich durch die Straßen der City bewegten. Die Compagnie des Quidams war unterwegs. Das Gefühl, das sich in mir breit machte, als ich die Quidams sah, lässt sich nur schwer beschreiben. Diese Inszenierung war nicht spektakulär wie Transe Express – sie ging einfach zu Herzen, sie berührte und verzauberte. Völlig lautlos schienen die fünf großen Figuren zu schweben – mal waren sie dick und rund aufgeblasen, mal dünn und faltig, mal hell erleuchtet, dann wieder gespenstisch dunkel. Und die Menschen in Neuwied ließen sich ebenso verzaubern wie ich. Sie folgten den Gestalten zum Rheinufer hin und wurden Zeugen eines Schauspiels, das ich eigentlich nur mit „Gänsehaut-Feeling“ beschreiben kann. Sphärische Klänge, schwebend-lautlose Bewegungen, ein Tanz der einfach nur faszinierte, und ein Finale, das einen großen runden Mond über Neuwied aufgehen ließ: Die Quidams waren wirklich einzigartig und ernteten stürmischen Applaus bei den vielen Zuschauern, die sich kurz vor Mitternacht zu diesem Schauspiel am Deich eingefunden hatten.
Apropos Mitternacht: Das war doch die „Stunde Null“ für ein ganz besonderes Erlebnis in dieser Nacht. Richtig – die Geschäfte öffneten. Obwohl ich, ehrlich gesagt, schon einmal die Schuhe gewechselt hatte und ich inzwischen trotzdem kaum mehr meine Füße spürte, machte ich mich auf den Weg durch die Geschäfte. Und wunderte mich darüber, wie voll es doch nachts um eins, zwei, sogar um drei Uhr noch sein kann. Die folgenden Bilder zeigen einige Impressionen und dokumentieren eindrücklicher als viele Worte, was bis in den frühen Morgen auf den Straßen und in den Läden der Innenstadt los war.
Mittlerweile war es drei Uhr geworden, uns unser Stadtmarketing-Team traf sich zu einem kleinen Fazit. Müde, mit schweren Beinen und noch schwereren Augenlidern, aber dennoch zufrieden genossen wir einen Kaffee, erzählten von unseren Erlebnissen und zogen ein erstes Resumée dieser großartigen Nacht. Viele Menschen waren dem Aufruf gefolgt, gemeinsam mit den Neuwieder eine schlaflose Nacht zu verbringen, viele Künstler haben ihr Bestes gegeben, um die Besucher zu unterhalten. Und sie alle haben wohl ein Bild von einer Stadt mit nach Hause genommen, die ganz schön ausgeschlafen ist. Was uns ganz besonders freute: Die Polizei Neuwied zog ebenfalls ein positives Fazit aus dieser Nacht: Es sei ruhiger gewesen als an normalen Wochenenden.
Mein letzter „Programmpunkt“ sollte um vier Uhr morgens das Frühstück in der Lebensmittel-Fachschule sein. Hier trafen sich alle, um gemeinsam den Erfolg dieser Veranstaltung zu feiern: Organisatoren, Verkäuferinnen und Verkäufer, Firmenchefs, Künstler, Arbeiter und Techniker, Ordnungshüter und Klofrauen, Besucher und Zaungäste. Alle ziemlich müde und erschöpft, alle aber auch zufrieden mit dem, was sie geleistet haben in dieser Nacht. Und eines haben Neuwied, seine Stadtteile und ihre Menschen mit dieser Veranstaltung bewiesen: Gemeinsam lässt sich tatsächlich die Zeit auf den Kopf stellen…